Die eigene Natur

Lieber extrovertierter Freund

Es muss schwer für dich sein.

Drinnen sein.
Die Ruhe aushalten.
Dich allein mit dir selbst beschäftigen.
Ohne deine Kollegen.
Keine Action, keine Party, keine Feuerwerke.
Keine Abenteuer und Achterbahnfahrten.

Bestimmt ist es dir zu ruhig, zu einsam, zu eintönig.
Du wirst von der Gesellschaft in ein Leben gezwängt, das dir nicht passt.

Doch weisst du was? Das wird vielleicht ein Monat so sein. Vielleicht zwei.
Als Introvertierter begleitet dich das dein ganzes Leben.

Die Gesellschaft, die Wirtschaft, ja unser gesamtes Leben ist auf Extrovertierte wie dich zugeschnitten. Es ist laut, es ist ständig etwas los, man ist nie allein und ständig unterhalten.

Und ich?

Ich mag die Stille. Ich liebe es, alleine oder mit wenigen ausgesuchten Menschen zu sein. Am liebsten in der Natur, in einem kleinen Café, am Wasser, friedlich und ruhig. Ich brauche keine Menschenmengen, keine grossen Abenteuer, keine Action. Das alles passiert in meinem Kopf, meiner Fantasie. Das kleine Blümchen am Strassenrand ist mein Abenteuer, ein farbiger Himmel meine Festbeleuchtung, Blätter im Wind meine Tanzshow. Ich lese Bücher, bis mir der Kopf abfällt. Nur für mich. Ich schreibe. Ich tanze, auf leisen Sohlen. Ohne Publikum. Und ich finde das absolut gut so.

Doch manchmal, da bin ich auch wütend.
Dann, wenn ich gefragt werde, wieso ich so früh gehe.
Weshalb ich an meinem Geburtstag keine riesen Party schmeisse.
Weshalb ich keine Zeit habe.

Weshalb? Extrovertierten wird auch nicht vorgeworfen, sich selbst nicht auszuhalten, wenn sie bis spät abends und jedes Wochenende in Gesellschaft verbringen möchten. Es wird nicht bemängelt, sie seien zu laut, wenn sie andere nicht ausreden lassen. Es heisst nicht, sie seien einfallslos, wenn sie sich sofort langweilen und Unterhaltung brauchen. Sie werden nicht kritisiert, sie seien zu hart und empfindungslos, wenn dich ihre Worte treffen.

Sondern: Sie sind, wie sie sind. Genau wie die Introvertierten. Keine Art ist besser, keine schlechter. Doch beide sollten akzeptiert werden, auch wenn es von der einen Sorte weniger gibt.

Vielleicht zeigt dir das Coronavirus ja, mein lieber extrovertierter Freund, wie es ist, wenn man in ein Leben hineingepresst wird, das nicht zu einem passt.

Und vielleicht haben die Extrovertieren zukünftig mehr Verständnis dafür, wie wir Introvertierten sind und geben uns den Raum, den wir brauchen. Das würde ich mir wünschen.

Dein introvertierter Freund

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